Übergewicht und Depression - Zusammenspiel vieler Faktoren

Ob Frust-Essen, Binge-Eating oder weitere Essstörungen - krankhaftes Essverhalten ist in Deutschland weit verbreitet, aber nicht immer sichtbar. Für viele Betroffene beginnt die Krankheit in langsamen Etappen und erst nach Monaten oder Jahren stellen sich schwerwiegende Probleme und Symptome ein. Besonders im Zusammenhang mit Depressionen ist krankhaftes Essverhalten genauer zu betrachten, um Ursachen zu finden und Behandlungsmöglichkeiten einsetzen zu können. Laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes leidet rund 10 Prozent der Deutschen Bevölkerung an einer depressiven Störung, während rund acht Prozent eine einzelne oder wiederkehrende Depression erfahren hat.

Quelle: https://www.gbe-bund.de/

Viele weitere psychische Erkrankungen nehmen seit Jahren zu, da sich Lebensbedingungen, Arbeitswelten und Stressfaktoren im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Auf der anderen Seite sind die Diagnoseverfahren und Behandlungsmöglichkeiten verbessert worden, so dass Erkrankungen früher erkannt werden und Patienten gezieltere Therapien erhalten können.

Die Anzeichen für Depressionen sind oft schwierig zu erkennen - doch wichtige Warnsignale sind fehlender Antrieb und gedrückte Stimmung über einen langen Zeitraum hinweg. Auch das Vernachlässigen von Freunden oder normalerweise beliebten Aktivitäten kann im Zusammenhang mit düsteren Launen ein Hinweis sein. Die Deutsche Depressionshilfe gibt weitere Antworten und erste Hilfestellungen bei einem Verdacht.

Warum Übergewicht und gestörtes Essverhalten Warnsignale sein können

Wenn sich das eigene Essverhalten zum Negativen verändert und immer häufiger Ess-Attacken oder Frustrations-Essen vorkommen, können zahlreiche Ursachen vorliegen. Übergewicht muss nicht krankhaft sein, doch kommen gesundheitliche Probleme wie Bluthochdruck, Diabetes, Herzkreislauf-Probleme oder Verdauungsstörungen hinzu, sollten die Betroffenen nach den grundlegenden Ursachen forschen.

Wenn bei Übergewicht Heißhungerattacken, Schamgefühle, sozialer Rückzug, Aktivitätsverlust und emotionale Probleme zusätzlich auftreten, ist die Trennung zwischen Essproblematik und depressiven Verstimmungen oder sogar Depression nicht immer einfach.

Beispiel Binge-Eating

Binge-Eating bedeutet übersetzt ein "Essgelage", in welchem die Patienten große Mengen an Lebensmitteln zu sich nehmen und keine Kontrolle mehr über Inhalte oder Zeitpunkt besitzen. Der Unterschied zu Adipositas liegt in einer noch größer ausgeprägten Unzufriedenheit über den Körper, ein niedrigeres Selbstbewusstsein und hohen Gewichtsschwankungen. Oft geschehen die Attacken heimlich, denn die Scham über das eigene Verhalten ist sehr groß.

Rund die Hälfte der meisten Patienten leidet oder litt an einer Depression, die somit einen der Hauptauslöser der Krankheit darstellt. Es gibt drei Faktoren, die in die Entstehung hineinspielen:

  • Prädisponierende Faktoren
  • Auslösende Faktoren
  • Soziale Faktoren

Beispielsweise können psychische Erkrankungen innerhalb der Familie, ein negatives Selbstbild oder Adipositas in der Kindheit Auslöser sein, ebenso wie Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen, belastende Lebenssituationen wie Mobbing, Leistungsdruck und Hänseleien oder ein übermäßiges Nahrungsmittelangebot.

Der Teufelskreis aus negativen Gefühlen, wiederkehrenden Ess-Attacken und Folgeproblemen wie Diabetes, Bluthochdruck, Atemwegsstörungen oder Venenleiden kann nur schwer durchbrochen werden. Studien fanden außerdem heraus, dass Teenager, die unter Depressionen leiden, zweimal so häufig mit dem Binge-Eating beginnen als andere Jugendliche. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit Depressionssymptome zu zeigen doppelt so hoch, wenn ein regelmäßiges Binge-Eating vorliegt. Gesundheitsexperten schlagen deshalb vor, nicht nur Sportangebote und gesunde Ernährung zu fördern, sondern auch die psychischen Störungen und Probleme zu berücksichtigen, um eine entsprechende Behandlung zu entwickeln.

Problemfall Übergewicht und Gewichtsabnahme im Zusammenhang mit Depressionen

Oft werden ein geringes Selbstwertgefühl und negative Selbstwahrnehmung bei Übergewicht vermutet, obwohl dies nicht immer der Fall sein muss. Viele Menschen definieren sich über die Bewertung durch andere und besonders selbstkritische Menschen und Jugendliche neigen dazu, sich als unfähig zu empfinden und bezeichnen das eigene Aussehen als Hauptursache für ihre Unzufriedenheit. Die Kontrolle über das eigene Essverhalten und die Lebensmittel erscheint ihnen als Macht, mit der sie ihr Selbstwertgefühl zurückgewinnen wollen.

Quelle: https://www.gbe-bund.de/

So empfinden sich viele Mädchen zunehmend als zu dick, je älter sie werden und besonders in der Pubertät mit 15 Jahren ist das Selbstwertgefühl in Bezug auf das Körpergewicht deutlich gesunken. Auch bei Jungen gibt es die Tendenz, die jedoch ein wenig geringer ausfällt.

Um sich wieder wohl in der eigenen Haut zu fühlen, versuchen viele, ihr Gewicht wieder zu verlieren, teilweise durch Diäten oder Ernährungsumstellungen, die nicht immer gesund sind. Über 40 Prozent der 14-jährigen Mädchen hat bereits eine Diät unternommen, bei Jungen sind es rund elf Prozent.

Dies zeigt, wie stark der Wunsch nach Perfektion vorhanden ist, auch wenn ein gesundes Körperbild und eine gesunde Selbstwahrnehmung generell wünschenswert sind.

Wenn das gewünschte Körpergewicht nach vielen Monaten und Jahren harter Arbeit erreicht ist, stellen sich bei Menschen ohne starke depressive Störungen meist Glücksgefühl und Selbstbewusstsein ein. Mit einem schlanken Körper wird schließlich in vielen westlichen Kulturen Erfolg, Glück, Gesundheit und Stärke in Verbindung gebracht. Wer nicht dem ästhetischen Bild entspricht, hat angeblich weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Suche nach einem passenden Partner.

Hier liegt jedoch bei Übergewichtigen mit depressiven Stimmungen ein Fehlschluss vor, denn wer sein Selbstwertgefühl allein aus dem eigenen Körperbild und der Reaktion anderer zieht, kann nach einiger Zeit wieder in sein altes Muster zurück fallen, wenn die erwünschten Reaktionen ausbleiben. Tatsächlich kann sich aber auch die depressive Grundstimmung verbessern, wenn die Personen ihr Selbstwertgefühl aus der erfolgreichen Diät und der durchgezogenen Disziplin ziehen.

Wer trotz vieler Diäten und gut gemeinter Ratschläge an der Reduktion des Körpergewichtes scheitert, kann erneut in den Teufelskreis aus Kummer und Essstörung fallen.

Viele Therapien versuchen neben einem regelmäßigen Ausdauertraining ein Verhaltenstraining zu entwickeln, damit die Grundstimmung sich heben kann, auch ohne Antidepressiva, die in den Nebenwirkungen Gewichtszunahmen befördern können. Eine Kalorienreduktion kann zwar beim Abnehmen helfen, doch gleichzeitig kann sie depressive Symptome verstärken, da über die Nahrung oftmals Bestätigung und Glücksgefühle gewonnen werden. Therapiemaßnahmen beinhalten:
  • Ess-Training
  • Sport
  • (Antidepressiva)
  • Psychotherapie oder Verhaltenstherapie
  • Entspannungstechniken
  • Selbsthilfegruppen

Fest steht, dass nicht jede übergewichtige Person an Depressionen leiden muss. Bei Essstörungen und krankhaftem Verhalten können Depressionen jedoch Ursache oder Folge des Übergewichts sein. In jedem Fall sollten Ärzte und Therapeuten in beide Richtungen ermitteln, um sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit zu fördern.

Übergewicht und Depression - Auswirkungen auf das Berufsleben

Wer mit Übergewicht und Depressionen zu kämpfen hat, der hat es häufig nicht nur im sozialen Umfeld schwer, sondern auch im Berufsleben. Hier gibt es ebenfalls zahlreiche Studien, welche Übergewicht und Depression als Folge der Belastung und Ausstattung des Arbeitsalltags sehen. Ein großer Teil der Bevölkerung arbeitet in einem Büro in sitzender Tätigkeit, acht bis zehn Stunden oder mehr. In aktuellen Umfragen gab fast ein Drittel der Befragten an durch den momentanen Job an Gewicht zugenommen zu haben, zum Teil über zwei Kilogramm.

Als Gründe geben viele die lange Zeit am Schreibtisch an, aber auch eine zu große Müdigkeit, um nach der Arbeit Sport zu treiben oder Stress-Essen. Mit übergewichtigen Personen wird oftmals kein hoher Arbeitswille verbunden, sondern Faulheit oder Disziplinlosigkeit, so dass das Stigma auch auf der Arbeit weiter anhält. Oft leiden übergewichtige Personen an dem Vorurteil willensschwach zu sein, obwohl sie täglich an ihrem Gewicht arbeiten. Sie finden Wege und Möglichkeiten, ihr Gewicht nicht zu thematisieren oder zur Angriffsfläche zu machen, indem sie nicht mit anderen zu Mittag essen oder vor allen Personen in Besprechungsräumen sitzen, um nicht eventuell ein Stühlerücken zu verursachen.

Obwohl es viele Gesundheitsrisiken bei Übergewicht gibt, sind übergewichtige Personen nicht zwingend häufiger krank als schlanke; das Stigma bleibt bestehen. Gewichtszunahme am Arbeitsplatz stellt häufig ein Tabuthema da, das entweder nur im Verborgenen oder gar nicht angesprochen wird. Der Arbeitgeber darf allerdings nur Ratschläge erteilen und Übergewichtigen nur dann Berufsverbote verordnen, wenn sie ihren Beruf dadurch nicht mehr ausüben können.

Laut dem Europäischen Gerichtshof können Arbeitnehmer ab einem Body-Mass-Index von 40 als behindert eingestuft werden, wenn das Übergewicht sie seelisch und körperlich belastet und der Beruf nicht mehr gleichberechtigt ausgeübt werden kann. Allerdings gilt der BMI-Wert nur als vage Richtlinie und noch gibt es keine ausreichenden Präzedenzfälle.

Viele Faktoren kommen bei Depressionen und Übergewicht zusammen. Besonders im Berufsleben sind viele Personen Geringschätzung und Abwertungen ausgesetzt, denen sie kaum entkommen können. Hält der negative Stress über Monate oder Jahre an, können psychische Erkrankungen die Folge sein, obwohl die Arbeitnehmer zunächst ohne Probleme mit dem Übergewicht gelebt und gearbeitet hat. Andere chronisch erkrankte Personen sind "unsichtbar" inmitten der Bevölkerung, weshalb beispielsweise die Diagnose "Burnout" eine gewisse Zeit bis zur Anerkennung gebraucht hat, während die Krankheit jedoch meist im Verborgenen abläuft.

Negative öffentliche Wahrnehmung kann die Probleme einiger übergewichtigen Menschen verstärken, ob psychisch oder physisch, wie eine Studie der Universität Leipzig erforschte.

Es entwickelt sich ein Kreislauf, der die Betroffenen weiter stigmatisiert und sich zurückziehen lässt. So gehen viele übergewichtige Personen aufgrund von Angst vor Ablehnung oder Abwertung seltener zu Vorsorgeuntersuchungen oder nehmen ihre Lebenssituation schlechter war (Beruf, Glück in der Beziehung) und führen dies auf den eigenen Körper zurück.

Wer mit seinem Körper unzufrieden ist und abnehmen möchte, sollte sich deshalb sowohl um seine körperlichen als auch seine psychischen Bedürfnisse kümmern.